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Von einem quälenden Geruch verfolgt suchte ich den Hang ab. Durch die Augen eines streunenden Hundes gesehen. Erst den Ufersaum. Die Zick-Zack-Pfade. Die Reihe der verwaisten Datschen, zwischen Himmel und Horizont. Dann tauchte eine unscharfe Silhouette auf. Eine vage Gestalt. Mochte sein und sie erschien so unvermittelt, oberhalb des Uferstrichs. Aus der Distanz mit bloßem Auge kaum zu erspähen. Immer noch zog der Hang das Licht an.

Marco
Götz

Die dunkle Seite des Sees

Erster Teil - Eine Große Fee

High

Roman

©️Marco Götz, 2026


Mochte ich nicht um gewisse Erscheinungen am Stausee gewusst haben? Jagte ich einer Chimäre nach? Ich konnte um die Stunde den Regen schmecken. Ein Blick auf die Armbanduhr sagte mir, gewiss sei es schon spät. Die Uhr mochte stehen geblieben sein. Ein Gedanke, und ich hatte einen Kloß im Hals. Am Himmel war nichts Sonderbares zu sehen. Das Licht verlor an Leichtigkeit. Und ich fragte mich, wer in Aller Welt zur Stunde dort am Hang erschien. Zugleich mochte ich mich aus dem Staub machen. Es war, eine dunkle Ahnung hatte mich gekapert. Und hielt mich mit lähmenden Tentakeln fest. Dann verstrich allmählich die Zeit. Und es blieb bedrückend bedeckt.

Nun ja, ich mochte mich neben ihr stehen sehen. Sie war dann nicht einmal mittelgroß. Von ihren Füßen fiel ein langer Schatten einen steilen Hang hinab. Über welkes Buchenlaub hinweg. Neben ihr trat ich von einem Fuß auf den Anderen, wohl um etwas verlegen. Auf leisen Pfoten. Allem Anschein nach erstarrt. Mit den Augen hangelte ich mich an dem langen Schatten entlang, der bis in den steinigen Uferbereich reichte. Und kopfüber im pechschwarzen Wasser baden ging. Das Wasser wogte leicht. Sie stand neben mir, eine Hand immer in der graumelierten Manteltasche. Sie sprach nicht wirklich mit mir, das war nicht schwer zu verstehen. Sie bete wohl den dunstigen Schleier aus Moder und Lauge an, der unbewegt über dem Stausee hing. Am Wasser roch es immer so nach faulen Eiern, falls der Wind nicht günstig stand. Sie rümpfte leicht die Nase. Dann zog sie mich weiter zum Wasser hinab. Es geschah nicht unsanft. Doch es ging unerbittlich bergab. Sie hatte mich fest an der Hand. Was sich als Klammergriff verstand. Aus dem es kein Entrinnen gab. Ergriff ich einmal ihre Hand, zuckte sie zurück. Als hätte ich einen schlafenden Hund geweckt. Und dann fühlte es sich immer weicher an wie vorgestellt.

Ich ging immer nicht so gern aus freien Stücken mit. Sie mochte das spüren. Dann fing sie an zu Summen. Bald flüsterte sie in einem Ton, der in meinen Ohren immer so eingeschworen klang. „Und“, sagte sie dann, „siehst du den kleinen dunklen Schatten da vor dir?“ Welcher tatsächlich da vor mir lag und nur zögerlich mit hinab ans Wasser ging. Das Buchenlaub begann zu rascheln. Wir kamen an die Schieferterrassierung. In Reichweite davon der vermooste Steg. Sie hatte den graumelierten Mantel mit jenem Fischgrätmuster an. Eine Hand, die linke, war immer tief in der Manteltasche versenkt. Sie machte mit dem Kopf eine Geste zu den Schatten hin. Ein langer und ein kurzer Schatten standen da Hand in Hand. Ohne mich entwischen zu lassen. Sie ließ den Blick über den Stausee schweifen. „Und“, sagte sie, „dies bleibt für dich bitte immer eine Illusion.“ Ich blieb wie angewurzelt stehen. Und brütete über diesen rätselhaften Satz. Während sie in ein Schweigen verfiel. Gewiss behielt ich auch schon was für mich. Ich konnte schweigen wie ein Grab. Zumal im Beisein einer Großen Fee. Deren Schatten so unaufhörlich in die Tiefe fiel.

Wir hatten einen Schweigemarsch zurückgelegt. Wie immer ging sie rasch. Sie bog auf einen breiten Forstweg ein. Das Laub begann zu rascheln. Bald hatte sie Einsehen mit meiner armen Person. Und ihren Klammergriff gelöst. Dann schlug sie ein höllisches Tempo an. Ich machte wenig Anstalten ihr zu folgen. Wie ich bald mittschnitt, hatte sie wie immer den Umweg über die Tannenschneise gewählt. Das Licht fiel schon schräg herein. Zwischen den verdorrten Zweigen waren mörderische Spinnennetze zu sehen.

Sie blieb dann aus heiterem Himmel stehen. Und baute sich vor mir auf. Sie hatte die schwarzen Lederhandschuhe abgestreift. Und große Augen gemacht. „Na?“ sagte sie, „Magst‘ du mal die Italienischen probieren?“ Ihre Stimme konnte einen gewissen Spott nicht verhehlen. Und Augenblicke später hatte sie mir die Italienischen anvertraut. Ohne mit der Wimper zu zucken. Dann überließ sie mich dem Gefühl etwas Samtenes in Übergröße anzuprobieren. Nicht ohne sich im Stillen zu amüsieren. „Sind die nicht doch ‘ne Nummer zu groß“, fragte sie. Und blickte verstohlenen von oben herab. In aller Ruhe fuhr ich in allen Ecken der weichen Lederhandschuhe herum. Und begann mächtig an den Wangen zu Glühen, bei einem großspurigen Gedanken ertappt. Sie verzog komödiantisch das Gesicht. Rümpfte die Nase. Als ob sie schon das nahende Wasser roch. Mir war, sie suchte nach einem verräterischen Zug an mir. Hochragende Tannen rechts und links. Die Große Fee und ich mit den Italienischen. Auf dem Weg durch ein dunkelgrünes Spalier. Am Horizonts war nur ein Lichtschlitz zu sehen.

Eine Hand behielt sie immer kerzengerade in der aufgesetzten Manteltasche versenkt. Schlicht so, als wiege sich etwas in Verborgenheit darin. Die Sache ließ mir keine Ruhe. Irgendwann bohrte ich die Manteltasche mit unverblümten Blicken an. Ihre Miene hellte sich darüber auf. Belustigt fragte sie mich, ob denn auch etwas Sensationelles in der Manteltasche zu sehen sei. Dann zog sie zu meiner Verwunderung lediglich ein kleines schwarzes Büchlein heraus. „Na, was denkst du dir?“ Sie blätterte ein wenig darin herum. „Ein Versbüchlein... und, was glaubst du denn, wird so Schlimmes darin zu finden sein?“ Sie sagte niemand konnte auch nur den blassesten Schimmer davon haben, was es in diesen Tagen bedeutete ein Versbüchlein in der Manteltasche bei sich zu haben. Sie klappte das Büchlein mit einem Knall vor meiner Nase zu. Versenkt es in der Manteltasche, die Manteltasche rechts. Sie drehte sich auf dem Absatz um. Und ließ sie mich mit offenem Mund stehen.

Wir hatten der Schneise den Rücken gekehrt. Querten den Hang. Südöstlicher Hand. Sie hatte mich wieder fest an der Hand. Auf halber Höhe zögerte sie. Wenig später hockten wir andächtig nebeneinander. An den drei Birken. Eine weißgetünchte Bank. Ein Windspiel war zuhören. Es baumelte über uns. An einem nicht allzu tiefhängenden Ast. Sie zog die Hand aus der graumelierten Manteltasche. Das Versbüchlein kam zum Vorschein. Aufgeklappt lag dann untätig der Daumen darin. Mir war, sie sprach so vor sich hin. Ohne eine Silbe zu notieren: Fünf Klänge aus Buchenholz. Eine unberechenbare Melodie. Silbrig das Haar der Birke. Es rauschte. Und war Herbst.

Tja, es ging Wind. Und ich schnitt wieder mal nur die Hälfte mit. Etwa … in der Dämmerung sei es auch gut fürs Gemüt … und … vom Wasser hergesehen, täuscht sich einer allzu oft … und … möge … sagte sie. Man verharrte dann im Stillen.

Mir gingen diese Worte nicht so leicht aus dem Kopf. Immer noch hatte ich die Italienischen an. Ich fuhr in allen Ecken der samtenen italienischen Lederhandschuhe herum. Die Dämmerung brach sicher bald an, sagte ich mir. Und am Ufer, gar mehr nicht weit von hier, traten bald diverse Märchengestalten an Land.

Das Versbüchlein verschwand, wie es eben noch von Geisterhand erschien. Ohne Vorwarnung erneuerte sie den Klammergriff. Es ging wieder abwärts. Bald schoben sich ein langer und ein kurzer Schatten in den steinigen Uferbereich. Sie ging dann nicht mehr allzu rasch. Die Hände in die aufgesetzten Taschen des graumelierten Übergangsmantels gesteckt. Zu ihren Füßen ein nicht allzu üppiges Buchsbaumquartier. Mittendrin ein namenloses Lärchenkreuz. Die Querlatte zeigte eine verwitterte Schnitzerei: Warum? Von den Enden her war alles schon halbvermorscht.

Es kam dann immer so, und sie mochte jetzt in Ufernähe quälend lange in ein Schweigen zu verfallen. Ich wusste um diese reizlose Angelegenheit. Und schaute mich auf dem Wasser um. Am späten Nachmittag waren auf der Regattastrecke dann immer noch Boote zu sehen. Nach einer Weile kam mir wieder der rätselhafte Satz in den Sinn. Immer wieder kaute ich den Satz von vorne durch. Und stolperte dabei über das Wort: Illusion. Ich zerbrach mir den Kopf, was daran nicht ganz geheuer war. Die Große Fee stand regungslos neben mir. Beiläufig klapperte sie das große Wasser ab. Während ich mit den Augen wie verwunschen an dem besagten Schatten vor meinen Füßen hing.

Vom Wasser her drangen ein Plätschern und schallendes Gelächter heran. Es kam zu einem Lichteinfall. Dann fröstelte man.


Auf dem Wasser war ein Boot zu sehen, das ums Haar einem Boot zum Verwechseln ähnlichsah, mit dem sich seit einem verhängnisvollen Nachmittag dann mein Schicksal verband. Ein Boot mit magischen Zügen. In dem ich um jeden Preis sitzen mochte. Es war orangefarben. Es lag auf Bahn 4. Und war um Längen abgeschlagen, bereits wenige Schläge nach dem Start.

Das orangefarbene Boot, ein Kajak mehr, war auf dem Deck mit Lackflecken übersät. Die Plaste ausgeblichen. In einem endlosen Sommer, unter einer Sonne, die tagelang über dem Wasser brennen konnte. Und dann unbarmherzig über einem stehen blieb. An den Kanten war es herrlich ramponiert. Am Bug fanden sich Diabolo große Platzer, was zu enträtseln blieb. Zum Heck hin ließ sich ein Häuflein teerschwarzer Einsprengsel nicht simpel erklären. Das Boot war nicht schnittig. Und doch zog es mich in seinen Bann. Seither war ich immer versucht, die magischen Stellen flüchtig zu berühren. Überdies legte mir einer an jenem verhängnisvollen Nachmittag dieses so sagenhaftleichte Paddel in die Hand.

Das Paddel hatte ich einem zu verdanken, der sich meinem Schicksal annahm. Für ihn war ich der Neue. Als ich in seinem Dunstkreis fröstelnd auf dem kalten, grießligem Beton der Bootshalle stand. Seit einigen Tagen schon eierte ich von der klammen Umkleide in die Bootshalle, den Weg ums Bootshaus auf nackten Sohlen über knirschenden Splitt geschickt. Es war jetzt hundekalt im Herbst. Und es würde noch ewig andauern. Erst im nächsten Sommer fühlte sich ein Sprint über den Splitt scharfkantig und angenehm warm zugleich unter den Zehen an.

Ich erreichte die Bootshalle, einem Fakir gleich, als wäre ich über Glasscherben gegangen. Barfuß trat ich ein. Mich umgab schummriges Licht. Ein Halbkreis öffnete sich. Ohne ein Geräusch zumachen. Man stand auf grießligem Beton, aus dem einem die tote Kälte allmählich stechend in die Waden kroch. Die Augen ungläubig auf eine Wand gerichtet. Vor der einer in der Manier eines großen Showmasters tat. Man stand vor ihm im Halbkreis mit anhaltendem Erstaunen. Mitunter hochgezogenen Brauen.

Der Showmaster musterte den Halbkreis, in dem man sich gelangweilt auf das Paddel stützte, manche in Flamingostellung, oder in dem man heftig an der Wange zu Glühen begann. Darunter meine Person, da ich noch immer ohne Paddel in der Hand da stand. Mir war, ein Augenlid flackere. Irgendwann tippte er auf mich. Dann glitt sein Finger über die Wand, an der Paddel an Paddel aufgereiht hingen. Unter entgeisterten Blicken blieb der Finger bei einem der Spartakiadepaddel stehen. Und das Paddel begann in der Schwerelosigkeit zu schweben. Als ich dann den Schummer der Bootshalle mit dem Paddel in der Hand verlies, war es, als gleiste das Licht. Am Flügeltor der Bootshalle zögerte ich einen Augenblick ins Freie zu treten. Ich befand, das Paddel lag tatsächlich sagenhaft federleicht in der Hand.

Übrigens hatte der Showmaster jenen himmelblauen Trainingsanzug an. Vor der Paddelwand hob er sich telegen ab, also könne man ihn schon auf einem einschlägigen Wandplakat sehen, wenn auch die Belichtung mäßig blieb. Marinemäßiger Kragenaufschlag, milchige Knopfleiste, bis zur Brustwolle aufgeknöpft. Da ich nicht weit weg von ihm stand, sah ich jene vielbesagten abgetrennten Stickereien. Das kreisrunde Emblem auf der Trainingsjacke war entfernt worden. Die drei Lettern der Sportnation waren abgetrennt. Mir war, es lag als dunkler Schatten auf seiner Brust. Knieabwärts eine Bügelfalte, welche den fraglichen Charme einer Schlaghose verströmte. Weiße Segeltuchschuhe. Spritzer von Uferschlamm daran. Seitenscheitelwirbel. Elvis-Koteletten. Typ Dunkelblond. Und Haselnuss Teint. Der Held des Stausees. Bei Lichte besehen.

Bei langanhaltendgeschlossenen Augen blieb Schemenhafteres von ihm bestehen. Die Knopfaugen. Eine hervorragende Nasenspitze. Eine Spur von Birkenhaarwasser breitete sich aus. Und mischte sich mit dem Modergeruch löchriger Bootslappenhaufen. Eine spezielle Note, falls man an der dunklen Seite der Bootshalle roch. Die Luft stand, von Gerüchen geschwängert, in der ich fortan das Wasser roch. Er rieb sich am Ohrläppchen, vermeintlich unbeobachtet, mit der linken Hand. Überdies stand ihm der Mund immer ein wenig offen.

Das waren die Reize dieser Tage. Ein sumpfiger Bootslappengeruch, ein alles übertünchender Laugengeruch, die spezielle Note von Birkenhaarwasser, die stehende Luft, geschwängert mit tausend Tröpfchen von Waschbenzin. Der Geruch, der mir seit diesen Tagen in der Nase stand. Und dann nicht mehr wich. Es waren spezielle Reize. Verflochten mit diversen Erscheinungen am Stauseehang - die Große Fee, der Held des Stausees - mit denen ich dann keine richtigen Namen verband.

Nach der Paddelausgabe drückte ich mich an der Flügeltür des Bootshauses herum. Mit einem federleichten Spartiakiadepaddel in der Hand. Zudem hatte ich eine marineblaue Spritzjacke in Übergröße an. Die marineblaue Spritzjacke war auch ein Traum, der ewig dauern konnte. Dann kam dieser Nachmittag. Aus heiterem Himmel trug er einen Stapel dunkelblauer Spritzjacken auf dem Arm heran. Er blickte die Runde rum, wer da im Halbkreis vor der Paddelwand stand. Und teilte so ungefähr nach Körpergröße aus. Bei meiner Person fiel die Spritzjacke eine Nummer größer aus. Aus Prinzip, wie er sagte. Bei einer steifen Briese pluderte mir dann immer ein marineblauer Windsack um die Knie. An den nackten Stellen trat eine Gänsehaut hervor. Im Übrigen ließ er das fahle Bootshauslicht immer zügig hinter sich. Ein gelbliches Licht, welches seinem heldenhaften Teint eine papierene Blässe verlieh.

Ausgangs der Bootshalle machte er einen Satz auf die Stützmauer, welche die Bootshalle markant vom Bootshausgelände schied. Ein Wink von ihm genügte, ich folgte dann. Man stand erhöht, eine Stelle, mit der sich für ihn eine spezielle Vorliebe im Gelände verband. Zu unseren Füßen die Bootsständerwiese. Ein abschüssiger Trampelpfad entfernte sich sanft, über eine flache Landzunge hinweg. Sein Finger schlängelte daran. Bis im halbhohen Gras abseits des Stegs etwas Orangefarbenes ins Blickfeld geriet, rechter Hand. Ein Boot, auf den Bauch gedreht. Ich dachte an einen einsam gestrandeten Schweinswal im Ufergras.

Er machte dann so eine Geste mit der Hand, sprach scheinbar mit der Luft, als stände ich nicht erwartungsvoll neben ihm. Er sagte: Das Boot dort im Gras, die Fünfhundert ruft, Sport Frei, Olympionike.

Nun, wer konnte sich in diesen Tagen denn so sicher sein. Es ging Wind. Die Shows trugen ihm Bewunderung ein. Gleichsam beschlich mich vor der Paddelwand bereits ein gewisses Maß an Ungläubigkeit. Mir kam dann mal zu Ohren, er wurde am Stausee die Spitzmaus genannt. Ja, kein richtiger Name. Jedoch erinnerlich. Spitzmaus. Ein Name, den man seinerzeit nicht unpassend fand. In Wahrheit war es keine Illusion. Die Spitzmaus schickte mich zum Stauseeufer hinunter, östlicher Hand.